Katrin Wilkens

40, studierte Rhetorik und arbeitete als Trainerin in der Weiterbildung. Seit 2000 schreibt sie als freie Journalistin für Spiegel, Zeit, FA, Nido u.v.a. Worin sie wirklich gut ist: Wichtige und weniger wichtige Persönlichkeiten portraitieren, dass sie vor Glück heulen. Oder vor Wut. Kombinieren. Dinge auf den Punkt bringen. In Menschen reinschauen. Besonderheiten entdecken. Zähmung und Bändigung von drei renitenten, liebenswürdigen Honigschnuten sowie einem Ehemann, meist ohne Honig. 

Gibt es noch mehr als Hirsebrei und „Zehn kleine Zappelmänner“?

Ich weiß noch genau, wann es angefangen hat, dieses KSG, das Kleine Scheiß-Gefühl, das in einem hochsteigt, obwohl man gerade Mutter geworden ist und eigentlich die Welt voller Rolf Zukowskis hängen müsste. Bei mir kam das Gefühl an einem Dienstag... MEHR
 

Mein Mann kam spät nach Hause. „Ich hatte eine Reanimation“, erklärte er knapp und wusch sich die Hände. Und zwischen Seife abspülen und Hände trocknen wurde mir klar: Ich auch. Genau genommen bin ich eine Reanimation. Seit 4.30 Uhr morgens, seit mein Sohn beschlossen hat, die Nacht zu verachten und den Tag zu ehren. Ich bin nicht mehr lebendig und auch noch nicht tot, aber irgendwo dazwischen, zwischen Leben und Tod und Hirsebrei.
 

„Ich kann’s nicht mehr hören“, schrie ich. „Du arbeitest. Du hast Patienten. Du bekommst gestrickte Socken zum Dank. Du kannst sogar zu einer Betriebsversammlung gehen, wenn du willst.“ Matthias schaute mich nachdenklich an. Schließlich sagte er: „Willst du die Socken?“

 

„Ich will mein altes Leben zurück.“


Ich habe meinen Mann auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt, wir waren beide beruflich dort – er als Dialysearzt, ich als Spiegel-Reporterin. Ich verdiente 5000 Euro mehr als er. „Professionell“ war damals mein Lieblingswort. Heute ist es „niedlich“. „Ich habe heute einen neuen Supermarkt ausprobiert“, sagte ich matt und: „Zieh das Hemd aus, da ist auch Blut dran.“

 

Blöderweise habe ich vom KSG nichts gelernt. Innerhalb von vier Jahren krochen drei Kinder durch unsere Wohnung – und ich auf dem Zahnfleisch. Ja, die Kinder haben mich reicher gemacht. Aber auch hungriger. Nachdem ich von beiden Honigtöpfen genascht habe, will ich beides: Beruf und Bibi Blocksberg.

 

Ich habe ’zig Rhetorikkurse gehalten, Bewerbungsschulungen durchgeführt und soziale Kompetenz unterrichtet – also habe ich mich in muttermilchsauren Nächten lehrbuchhaft immer wieder selbst motiviert: du wirst wieder arbeiten, du wirst wieder arbeiten … Als mein Mann eines Tages sah, dass ich sogar in meinen alten Seminarunterlagen „Flirten leicht gemacht für Jedermann“ las, sagte er: „Du musst wieder arbeiten.“

 

Wenn mich früher Redaktionen buchten, dann wollten sie den anderen Blick. Ich war nicht hip, nicht lässig oder cool. Aber ich konnte Situationen und Menschen erfassen. Und weil ich meine Stärken UND Schwächen alle mit Kosenamen anreden kann, fällt es mir auch bei anderen nicht schwer, sie im Wesen zu erkennen. Mein erster Lehrmeister hat mir eingetrichtert: Wenn du andere langweilig findest, liegt das nur an deiner beschränkten Wahrnehmungsgabe. Heute gebe ich ihm Recht: Kein Mensch ist langweilig. Nur macht man sich nicht immer die Mühe, bei anderen das Interessante herauszulocken. In „doofe Pupsmami“ kann viel Potential stecken. In Betriebsversammlungen aber auch. NACH OBEN

Miriam Collée

38, Journalistin, arbeitete bei verschiedenen Monats- und Wochenzeitschriften. 2008 kündigte sie spontan beim „Stern“, um mit Mann und Kind nach Shanghai zu ziehen. Er hatte ein Jobangebot, sie – nichts: keine Arbeit, keine Chinesischkenntnisse, keinen Plan. „Phantastisch“, sagt sie heute. Rückblickend. „Man kann sich komplett neu erfinden.“ Ihre Bilanz nach drei Jahren China: ein Buch, ein zweites Kind, ein neuer Job als Relocation Beraterin für frisch ankommende Ausländer. Worin sie wirklich gut ist: Diesen Mut heute anderen beizubringen. Dinge auf Machbarkeit prüfen. Schnell und strategisch denken.  



Von regnenden Klimaanlagen und Schlangenmördern

 

Als ich zwischen unseren Nachbarn, Herrn und Frau Wu und einer Dame mit fehlenden Schneidezähnen stand und mir Tränen über die Wangen liefen, begriff ich: Ich musste mich neu erfinden. Sonst würde ich Shanghai nicht überleben.

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Der Tag hatte nicht gut begonnen: Im Kinderzimmer hatte es aus der Klimaanlage geregnet, im Bad war der Inhalt unserer Toilette ausgelaufen (Durchfall aller Familienmitglieder), im Wohnzimmer entwickelten die neun Arbeiter, die dort seit Tagen campierten, bis der Landlord ihnen den vollen Lohn für die Renovierung bezahlen würde, seltsame Gerüche, und dann war unsere Tochter verschwunden. Kaum hatte ich überschlagen, wie viel man auf dem Schwarzmarkt für ein dreijähriges, blondes Mädchen bekäme, fand ich sie im Schlafanzug vor dem Haus mit den Wus, wo sie zusammen kleine Schlangen aufschlitzten. Sie schnitten die Köpfe ab und wuschen das Blut im Waschbecken aus. „Wu fan“, sagte Frau Wu – Mittagessen – wischte die blutigen Finger an ihrem Pyjama ab und wuschelte meiner Tochter durchs Haar. Wäre unsere Toilette funktionstüchtig gewesen, hätte ich mich spontan übergeben.

 

Ich war nie eine Heulsuse. Bis wir nach China zogen. Schuld war ein Jobangebot in Shanghai, mit dem mein Mann eines Tages nach Hause kam. Ich saß in unserem niedlichen Backsteinhaus in Hamburg, mit Garten, Schaukel, Apfelbäumen, Nacktschnecken. Das Leben war gemütlich und gut zu uns. Wäre da nicht diese Frage, die juckte, wie ein Mückenstich, den man aufkratzen oder auch ignorieren konnte: Was kommt jetzt? Geht es die nächsten 20 Jahre so weiter?

 

Dieser Mückenstich machte mich 2008 zu einer so genannten „Expat-Frau“ (von Expatriates, Auswanderern), die in der Regel mit ihrem arbeitenden Ehemann samt Kindern ins Ausland zieht und dort in der Regel erst mal – nichts hat. Keinen Job, keine Freunde, kein Zuhause. Was tun? Die Antwort einer erfahreneren Expat-Kollegin: „Oh, kein Problem: Chinesisch lernen, Shopping, Maniküre, Pediküre, Fußmassage, Tai Chi, zum Fake-Markt fahren, zum Charity Bazar und wieder zurück. Und wenn du dich wirklich sehr langweilst, besuchst du chinesische Waisenhäuser.“

 

Ich fragte mich, wozu ich jahrelang studiert und gearbeitet hatte, um als Profi-Shopperin zu enden. Und dann lag sie plötzlich da, die Antwort auf alle Fragen und Unsicherheiten, zwischen den Schlangen im Waschbecken der Wus: Es ging um etwas Anderes. Nicht um gerade Lebensläufe, um Working-Mum-Karrieren und beeindruckende Stationen. Ich stand an einem völlig absurden Ort in einem völlig absurden Leben und hatte die Chance zu etwas Einmaligem: die Reset-Taste zu drücken. Mich weiterzuentwickeln. Beruflich und persönlich. Ich habe gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Hilft übrigens bei Mückenstichen aller Art. Mein letzter heißt i.do. NACH OBEN

Dorthe Hansen

42, freiberufliche Journalistin. Als Dozentin für Magazin-Journalismus unterrichtet und begleitet sie junge Talente, die am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Als Journalistin bearbeitet sie die weiten, aber für sie wesentlichen Themenfelder Kultur, Natur, Psychologie, Arbeit, Essen. Auch in ihren Einsatzgebieten in Verlagen ist sie ein Allrounder: als Autorin, Redakteurin, Textchefin, Redaktionsleiterin. Auf einer ihrer Visitenkarten stand einmal, kein Witz: „Ressort Gefühle“. Und das ist tatsächlich etwas, was sie in jeden ihrer Jobs mitnimmt, worin sie wirklich gut ist: Gefühlslagen wahrnehmen, Bedenken benennen, spüren, worauf es ankommt. MEHR
 

Eigentlich wollte ich damals mit meinem Chef nur besprechen, wann genau, an welchen Tagen und wie viele Stunden pro Woche ich nach meiner Elternzeit wieder in die Redaktion kommen würde. In die Redaktion eines Frauenmagazins wohlgemerkt, modernes Blatt mit klugen Sonderheften zum Thema Kind&Karriere. Ich war nicht die erste Mutter im Kollegium. Ich war auch nicht die erste, die ihrem Job in Teilzeit nachgehen wollte. Mein Chef schlug, vielleicht also nicht zum ersten Mal, die Hände vors Gesicht, rieb sich die Augen, ächzte erschöpft und sagte dann, plötzlich so milde wie ein Nachrichtensprecher bei der Überleitung zum Wetter: „Ich finde das toll, dass ihr alle Kinder bekommt. Ich hab ja selber zwei. Aber meine Frau bleibt bei denen zuhause.“

 

Ich dachte kurz an meinen Mann. Ein enthusiastischer Familienmensch, aber auch ein selbständiger Vollzeit-Unternehmer, der mir wenige Tage zuvor erklärt hatte, dass mit ihm als Kinderbetreuer (unseres, seines Kindes) nicht mal für einen Nachmittag pro Woche zu rechnen sei, „weil das so nicht im Businessplan steht“.

 

Mir war klar, dass ich hier im Chefredakteursbüro, vor diesem Vorgesetzten, der mir gerade wie ein Gefrierschrank aus den 50er Jahren etwas vorbrummte, nicht so ausgelassen reagieren durfte, wie daheim. Ich blieb sachlich, als er sagte: „Keine leitende Funktion in Teilzeit.“ Ich notierte mir ganz genau, was er auf meine Frage nach meinem möglichen Aufgabenbereich antwortete: „Mach alles, was du machen möchtest. Mir egal. Nur nicht noch eine Mutter als Ressortleiterin.“

 

Ich brauchte ein paar Tage, um diese Frechheit zu verdauen – und um die Möglichkeit, die darin lag, zu entdecken: Ich konnte mir meinen eigenen Job schaffen. Ich ging bei meinen Kolleginnen vorbei, schlug ihnen Themen vor, die sie nicht ablehnen konnten, war plötzlich Autorin für alle Ressorts. Und zwar: geschätzte Autorin. Monate darauf rief mein Chef mich an, später Nachmittag, ich konnte ihn gerade eben verstehen, so ein Lärm auf dem Spielplatz. Er: „Deine Texte, das halbe Heft ist von dir geschrieben, das ist super – wann machst Du das nur alles?“

 

Ich möchte wetten, dass eine meiner einfühlsamen Kolleginnen ihn darauf gestoßen hatte. Aber sei's drum, er sprach es aus. Das ist einige Jahre her. Aber ich freue mich heute noch über folgende Erkenntnisse:

 

Dass ich weiß, dass Veränderungen ausschließlich von Vorteil sind, wenn ich sie als mein Thema begreife.

 

Dass mein Ex-Chef heute nahezu ausschließlich mit Müttern zusammenarbeitet, weil er begriffen hat, dass Arbeit in Teilzeit nicht weniger oder gar schlechtere Arbeit bedeutet.

 

Dass mein Mann sehr selbstverständlich und viel öfter als nur einen Nachmittag pro Woche für unser Kind da ist. Obwohl das nicht in seinem und vermutlich in keinem Businessplan der Welt steht. NACH OBEN

Sebastian Schlösser

37, studierter Rechtswissenschaftler, Regisseur, Autor, Schauspielcoach, Lehrer, Mediator – wer Sebastian die harmlose Partyfrage "Und was machst du so?" stellt, kommt so schnell nicht mehr aus dem Gespräch heraus. Denn seine Vita ist bunter als jede Gemüsesuppe. Wer jedoch glaubt, der Mann könne sich nicht entscheiden, irrt. Jeder seiner Berufe leitet sich logisch aus dem anderen ab. Vagina-Monologe inszenieren, Streithähne schlichten und aus Schülern verstecktes Potential herauslocken hat eine große, gemeinsame Schnittmenge –  und zeigt ziemlich gut, wie wir bei i.do arbeiten. MEHR
 

Am Anfang steht die Anamnese: Was bin ich, wo stehe ich, was will ich? Als Regisseur ging es schnell bergauf. Ich liebte es zu inszenieren, in ein Stück einzutauchen, den richtigen Schauspieler zur richtigen Rolle zu finden. Ich bekam für meine Arbeit Lob, Preis und Ehr' – und den Burnout gratis dazu. Mein größtes Problem am Theater war die Zeit außerhalb des Theaters: das Runterkommen, das Umschalten auf den Familienmodus, in dem es weder um Besetzungskompetenz oder Visionen geht, sondern plötzlich darum, Kinder zu trösten ("Der Max hat gerade Poposchwein zu mir gesagt!“) oder die richtigen Windeln zu kaufen (Babylove und nicht die von Pampers). Ich zog schließlich die Reißleine. Meine Familie ist mir heilig. Ich suchte eine Tätigkeit, die meine Gaben – das Erkennen, Besetzten und Inszenieren – nicht vernachlässigt. Ich wollte weiterhin Regisseur sein – nur weniger auf Reisen. Ich wollte weiterhin kreativ arbeiten, nur geregelter.

 

Die Arbeit des Mediators ist genau das: Auch hier geht es um das "Lesen" von Menschen, um das Besondere in jedem Einzelnen (nie geht es um das Verbiegen, Bevormunden, Unterjochen) und um eine Atmosphäre, die mehrere Menschen auf einer Bühne zusammenbringt – und dabei jeden Einzelnen von ihnen wirken lässt. Schauspielerei hat oft mehr mit Sein-lassen als mit Anderssein zu tun.

 

Als Autor lasse ich meine Fantasie frei. Hier kann ich alles ausprobieren, was möglich sein könnte – ohne äußere Zwänge. Manchmal ist das auch bei i.do hilfreich: Muss jeder Arzt, der seinen Beruf wechseln will, einen akademischen Zweitberuf bekommen? Gibt es nicht auch welche, die mit einem Handwerk viel erfüllter wären? Darf nicht auch eine Hebamme Bestatterin werden? Zugegeben: Oft spielen wir mit den vorhandenen Ressourcen, aber manchmal, wenn wir den Auftrag dazu bekommen, besetzen wir eben auch gegenein bestehendes Image.

 

Für meine Kinder ist meine Gemüsesuppe ein Segen. Denn sie lernen früh: einen Beruf, den man mit 18 Jahren begonnen hat, muss nicht lebenslang auf ihrer Stirn kleben. Wenn sich die Umstände ändern, darf man auch sich auch selbst ändern. Das gibt ihnen die Freiheit auszuprobieren. Und das finde ich eine ziemlich gute Schule – fürs Leben. NACH OBEN